Mein Nachbar heißt mit Zunamen "Palmen", und ich vermute stark, das rührt von seinen häufigen Wutanfällen her, die ihn faktisch auf die Palme zwingen und er kann nicht anders, als nachts seinen Fernseher anzubrüllen. Ich hoffe, dass es sein Fernseher ist. Mitunter habe ich die Befürchtung, es könne sogar ich gemeint sein - wobei sich meine Art der Lärmbelästigung auf den frühen Abend beschränkt, in Gestalt von Staubsauger-übertönenden Verdi- und Puccini-Arien - und ich Samstag nacht auf Zehenspitzen ins Bad tappe und so leise wie möglich piesle, um nicht noch einmal mit "HALT'S MAUL!!!" angebrüllt zu werden, durch die hellhörige Gipskartonwand, die sehr dünne, die mich und meinen Nachbarn mit der noch dünneren Haut trennt. Mitunter male ich mir aus, wie seine wutgeschwollene Faust, auf der Adern pulsieren, durch meine Badezimmerwand kracht.
In meinen knapp acht Wochen als Neu-Dresdnerin hab ich mehr erlebt als in sechs Jahren Mittweida. Mehr junge Menschen, mehr Graffitis, mehr Ausländer, mehr Probleme, mehr Dreck, mehr Essen, mehr Kultur. In gewisser Weise ist die Neustadt wie ein Klein-Istanbul. Alle Hautfarben, alle Sprachen, Nargile-Cafés, ziemlich viel Metall an Nasen, Ohren und Lippen, Bärte, Bärte, Dutt bei Männlein und Weiblein, eine Invasion der waldgrünen Anoraks. Manche mit Fell. Die Tarnung ist vollkommen. Döner an Grieche an "Luigi, sweimal Pizza Speziale für blöde ignorante Spieserr" an Vietnamese an Schokoladenbar. Die Alaunstraße ist voll von Träumen, bemalter Ting-Platz der postmodernen Resistenz, will sagen, Renitenz. Hier schreitet man nicht, hier schlenzt man nachlässig die Füße nach außen, die Kapuze im Gesicht und ein möglichst grimmiger Ausdruck. Hände in den Taschen, nicht zu vergessen. Auf dem Kopf trägt man Papageiengrün oder gleich den ganzen Papagei.
Orhan Pamuk hat, so meine ich mich zu erinnern, einmal gesagt, dass dieser zähe Brodem aus Schwermut, Tristesse und Melancholie, der die Stimmung der ganzen Stadt beherrscht und von ihren Bewohnern fleißig in Form passiver Lebensführung und ständigem Gejammer reproduziert wird (gemeint ist das "Hüzün"), mit Gewässern zusammenhängt. Die Istanbuler haben den Bosporus, und wir (WIR!! Ich rede von mir schon als Dresdnerin. Herrliches Gefühl) haben de Ãlwe (neuhochostdeutsch für "die Elbe"). Da kann zwar kein verfluchter Riesentanker aus Griechenland passieren (er könnte es ja versuchen, würde aber spätestens an der Albertbrücke scheitern), aber dafür gibt's Elbdampfer, Lastkähne auf dem Weg nach Hamburch (unserer Partnerstadt), manchmal eine Hundertschaft Gummienten und Kajakpaddler. In der Lorke ("Brühe") will allerdings keiner schwimmen - zu dreckig und geruchsintensiv ist der Fluss. Zu DDR-Zeiten muss es noch viel schlimmer gewesen sein, als alle möglichen VEBs und LPGs und LMAAs ihre Abwässer darin entsorgt haben. Naja jedenfalls glaube ich, der Dresdner kennt seine ganz eigene Form von Hüzün. Er spürt, wie die Zeit vergeht, wie das Elbewasser fließt, wie die Stadt an manch pittoresker Ecke verfällt und dabei zum Heulen schön aussieht, wie regionale Ereignisse vor allem jetzt ihre Wellen über ihm zusammenschlagen. Viele kleine Bastionen kämpfen an schäbigen Straßen um die alternative Kunstszene, gegen die industrielle Massenverwertung, es ist ein geradezu horkheimerisch-adornoeskes Stimmungsbild: unsere Kunst, unsere Kultur, sie soll frei sein von Elite-Denken. Mitmachen kann jeder.
Aber um ganz ehrlich zu sein: ich glaube, so eine Melancholie, so einen Weltschmerz und ständiges Verlustgefühl kenne ich schon seit der sechsten Klasse. Im Erdkundeunterricht hatten wir die Plattentektonik und Frau Lehrerin setzte uns anhand einer riesigen ollen Karte, die so charakteristisch nach Mottenkugeln und Zonenlaminat roch, auseinander, wo die Kontinentalplatten konvergierten oder divergierten (jedenfalls gierten sie nach Bewegung) und wie viele hunderttausend Jahre es gedauert hatte, die Alpen und das Erzgebirge aufzufalten (weil, Afrika ist schuld). Und plötzlich wurde mir kochend heià bewusst, wie klein und armselig so ein Menschenleben ist, verglichen mit den Zeitaltern, die die Erde schon gesehen hatte. Panik und Entsetzen. Es war der Moment, in dem mir die Sterblichkeit erstmals in ihrer Unabwendbarkeit vor Augen stand. Wer oder was waren wir denn schon?
Meine Klassenkameraden waren alle beneidenswert ruhig. Es musste daran liegen, dass es die zweite Stunde an einem Montag morgen war, dass sie sich nach dem Schätzchen in der Parallelklasse sehnten, das jetzt gerade Mathe bei Frau Sijatz durchlitt oder weil sie die schiere Verlorenheit der menschlichen Rasse in der gähnenden Schwärze des Universums einfach nicht interessierte.
Schon frühzeitig also wurde ich zur Grüblerin, zur ZER-Grüblerin, was mich auch mit 16 zur Psychotherapie brachte. Es gab keine Couch, leider. Aber Gottseidank wurde auf Elektroschocks und Zwangsjacke verzichtet.
Ich schleppte diese, wie ich sagen würde, Melancholie immer mit mir herum. Als ich mit 22 dann an den Bosporus reiste, entdeckte ich den Begriff, den die Istanbuler dafür haben: Hüzün. Hüzün allerdings lähmt, inspiriert, lähmt die Inspiration und inspiriert wahrscheinlich daher noch einmal exponentiell. Vielleicht ist meines eine Art ostdeutsches Hüzün. Warum ooch ni?
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